Offener Unterricht

Definition: Der offene Unterricht zeichnet sich dadurch aus, dass er ganz oder teilweise wesentliche Elemente des Lernprozesses (Zielsetzung, Methodenwahl, Ergebnisformulierung) den SchülerInnen überlässt (vgl. Köck 2000).

Der offene Unterricht steht dem direktiven Unterricht gegenüber. Offener Unterricht ist keine definierte Methodenkonzeption, sondern ein didaktisches Prinzip, das den Unterrichtenden leitet und sich in den verschiedensten Unterrichtsformen, sowie auf vielfältige Weise berücksichtigen lässt. Es geht um ein pädagogisches Verständnis und eine pädagogische Haltung gegenüber den SchülerInnen. Als wichtigste Aufgabe des offenen Unterrichts kann das Lernen des Lernens gesehen werden (vgl. Wallrabenstein 1991).

Bereits von der Mitte der 60er Jahre an wurden unterrichtspraktische Konzepte entwickelt, die eine Folge der neuen Erkenntnisse der Lernpsychologie waren. Der offene Unterricht fasst einige dieser Konzepte zusammen. So sind Freiarbeit, Projektunterricht, Arbeitsplan- und Wochenunterricht und Stationenlernen Konzepte, die unter den Begriff des offenen Unterrichts zu fassen sind. Während diese Konzepte des Offenen Unterrichts schon seit vielen Jahrzehnten in der Grundschule praktiziert werden, finden sie in das Gymnasium erst langsam Eingang.

Beim offenen Unterricht spielt die Kommunikation zwischen LehrerInnen und SchülerInnen eine entscheidende Rolle (vgl. Bönsch 1991). Während im Frontalunterricht die Lehrperson Hauptakteur des Unterrichtsgeschehens ist und die SchülerInnen wenig Einfluss auf den Unterrichtsverlauf haben, bietet offener Unterricht diesen die Möglichkeit, eigene Kompetenzen einzubringen und den Unterrichtsverlauf mitzugestalten.

Offener Unterricht bezieht sich jedoch nicht nur auf die offene Kommunikation. Vielmehr ist die Offenheit auch bezüglich anderer Aspekte gemeint: So nennt Kron (1993) in diesem Zusammenhang u.a. offene Curricula, offene Zielstellungen, Offenheit für neue Medien, Offenheit für neue Lehr- und Lernformen sowie Offenheit für außerschulische Lernprozesse.

Bönsch (1991) nennt in diesem Zusammenhang folgende Aspekte, die offenen Unterricht auszeichnen:
· Mitbestimmungsmöglichkeiten der Schüler (bzgl. Intentionen, Inhalte, Arbeitsweisen und Materialien)
· Veränderung der LehrerInnenrolle (Zurücknahme, Berater-, Moderator-, Helferrolle)
· Veränderung der SchülerInnenrolle (mehr Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit)
· Veränderung des schulischen Kontextes (Schülersituation stärker berücksichtigen, außerschulische Lebensbedingungen der SchülerInnen berücksichtigen)

Voraussetzungen für das Gelingen offenen Unterrichts:
Der offene Unterricht ist mit gewissen Grundqualifikationen auf beiden Seiten (LehrerInnen und SchülerInnen) verbunden.

So erfordert die neue Rolle der Lehrperson einen anderen Führungsstil, als die traditionelle Rolle z.B. im Frontalunterricht. So muss sich die Lehrperson von traditionellen Mustern lösen, sich von dem autoritären Führungsstil verabschieden und sich stattdessen dem sozialintegrativen Führungsstil nähern, indem sie sich kommunikationsfördernd verhält. Kron (1993) nennt einige Indikatoren für kommunikationsförderndes Verhalten der Lehrperson:

· begründet eigenes Vorgehen
· nimmt Vorschläge auf
· gibt selbst Alternativen
· stützt emotional, baut auf
· vermeidet angsterzeugendes Klima
· verhindert Leistungszwang
· ermöglicht Erfolge
· sucht bei Konflikten nach Kompromissen

Auch bezüglich des SchülerInnenverhaltens nennt Bönsch (1991) Indikatoren, die "erwünschtes Schülerverhalten" beschreiben:

· Selbstständigkeit
· Neugier- und Fragehaltungen, Neigungen und Interessen
· Initiative und Risikoverhalten
· Differenzierung der Wahrnehmung
· Kritisches Denken und Urteilen
· Herangehen an Probleme und Problemlösungsverhalten
· Kreativität und Produktivität

Offener Unterricht ist kein Unterrichtskonzept im üblichen Sinn, sondern ein dynamischer und vernetzter Prozess der Entfaltung einer neuen Unterrichtskultur im Schulalltag. Erst durch die intensive Interaktion der SchülerInnen untereinander kann offener Unterricht sein ganzes positives Potential entfalten.


Zitierte Literatur

Bönsch, M. (1991). Variable Lernwege - Ein Lehrbuch der Unterrichtsmethoden. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh.
Köck, P. (2000). Handbuch der Schulpädagogik für Studium - Praxis - Prüfung. Donauwörth.
Kron, F. W. (1993). Grundwissen Didaktik. München.
Wallrabenstein, W. (1991). Offene Schule - offener Unterricht. Reinbek bei Hamburg.

Weiterführende Literatur

Loser, F. (1985). Aspekte einer offenen Unterrichtsplanung. Eine Einführung in die Problematik. In R. Biermann (Hrsg.). Interaktion, Unterricht, Schule. 185-209. Darmstadt.
Ramseger, J. (1977). Offener Unterricht in der Erprobung . Erfahrungen mit einem didaktischen Modell. München.