Subjektive Theorien

Definition: "Subjektive Theorien von Lehrerinnen und Lehrern im Kontext von Unterricht sind komplexe Aggregate bewusster und/oder unbewusster automatisierter Überzeugungen zu grundlegenden Fragen des Lehrens und Lernens, die sich in der Unterrichtsdurchführung widerspiegeln. Sie erfüllen - analog zu objektiven Theorien - die Funktionen der Erklärung, Prognose und Technologie und besitzen eine entsprechende implizite Argumentationsstruktur." (vgl. Groeben 1988 S. 17f).

Subjektive Theorien

Subjektive Theorien setzen sich aus Versatzstücken unterschiedlichen Ursprungs- und Reflexionsniveaus zusammen. Dabei handelt es sich um Erfahrungen, Einstellungen der Bezugsgruppen, Ausschnitte aus rezipierten Theorien und andere Formen von verhaltenssteuernden Elementen. Besondere Bedeutung kommen bei Lehrerinnen und Lehrern dabei die Erfahrung der eigenen Schulzeit zu. Die während des Studiums angeeigneten theoretischen Kenntnisse alternativer Formen der Unterrichtsgestaltung vermögen die früheren Erfahrungen nicht grundlegend zu brechen, so dass diese beim Einstieg ins Berufsleben wieder hervortreten.

Die Summe der in den subjektiven Theorien verdichteten Einstellungen und Verhaltensweisen werden in die konkrete Praxis übernommen und formen auch in den sich hieraus ergebenden Situationen das aktive Verhalten in der Schule und im Unterricht. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von "Scripts": mentalen Repräsentationen systematischer Handlungsabfolgen, die auf eine spezifische Situation ausgerichtet und mit einem bestimmten Ziel versehen sind. Im Zusammenhang mit Unterrichtsprozessen bedeutet dies, dass solche Handlungsmuster sich bei Lehrerinnen und Lehrern in den Unterrichtsabläufen in Form von gleichen oder ähnlichen sich wiederholenden Unterrichtsschritten abzeichnen.

Man kann davon ausgehen, dass sich Scripts und die diesen zu Grunde liegenden subjektiven Theorien durch beständige Praxis in einem zirkulären Kreislauf gegenseitig stabilisieren.

Für die Frage nach dem Unterrichtserfolg und der Veränderung von Unterricht sind Subjektive Theorien insofern von Bedeutung, als sie das Verhalten von Lehrpersonen bewusst oder unbewusst steuern und dadurch Unterricht maßgeblich prägen. Unterrichtsveränderung zieht somit eine Veränderung dieser Theorien mit sich, um erfolgreich zu sein (vgl. Helmke 2003, S. 52).

Subjektive Theorien sind somit umfassende Aggregate von prinzipiell aktualisierbaren Kognitionen, die "unter einem bestimmten Blickwinkel des Praktikers entwickelt wurden und das Ergebnis einer impliziten Fragestellung" sind" (Mandl/Huber 1998, 98). Subjektive Theorien können auch von Anderen übernommen werden, ohne dass der Wahrheitsgehalt neu geprüft wird.

Subjektive und objektive Theorien

Unter einer Theorie versteht man, im wissenschaftlichen Sinne, ein System logisch widerspruchsfreier Aussagen (Sätze, Hypothesen) über den jeweiligen Untersuchungsgegenstand mit den zugehörigen Definitionen der verwendeten Begriffe (vgl. Kromrey 1998, S. 48).

Subjektive Theorien erfüllen den Tatbestand der Widerspruchsfreiheit in der Regel nicht. Dieser Sachverhalt verbindet sich mit dem Begriff der "Subjektivität". Sie sind jedoch hinsichtlich ihrer Struktur und Funktion analog zu wissenschaftlichen Theorien konzipiert, indem sie systematisierte Argumentationsstrukturen aufweisen mit der Funktion der Erklärung, Prognose und Technologie (vgl. Groeben u.a. 1988, S. 19).

Somit handelt es sich bei Subjektiven Theorien in Anlehnung an Wenninger (1929) um Theorien ersten und zweiten Grades. Theorien ersten Grades bestehen aus Erfahrungswissen, Orientierungen und Hypothesen des Praktikers. Theorien zweiten Grades aus Lehrsätzen, Erfahrungssätzen und Lebensregeln, während die Theorien dritten Grades in der wissenschaftlichen Pädagogik beheimatet sind und das Verhältnis von Theorie und Praxis systematisch untersuchen.

Subjektive Theorien unterscheiden sich von objektiven Theorien dahingehend, dass objektiven Theorien eine durch die systematische und methodische Vorgehensweise gesicherte Intersubjektivität zugrunde liegt. Autoren von Subjektiven Theorien unterliegen in der Regel einem relativ starken Zeit- Handlungs- und Orientierungsdruck, "während Wissenschaftler in all diesen Dimensionen überwiegend eine relative Druckfreiheit besitzen, die die Basis für Objektivitäts-Approximation darstellt"(Groeben u.a. 1988, S. 23)

Die Unterschiede zwischen Subjektiven und Objektiven Theorien sind nicht in jedem Fall eindeutig disjunktive, " ...sondern eventuell nur akzentuierende. Somit kann von der Erforschung Subjektiver Theorien auch ein Fortschritt im Bereich Objektiver Theorien erwartet werden" (ebd.).

Aus diesem Grunde unterscheiden Groeben u.a. auch zwischen einem weiten und einem engen Begriff zu Subjektiven Theorien. Während in der weiten Definition Subjektive Theorien "lediglich" als komplexe Aggregate mit (zumindest impliziter) Argumentationsstruktur mit Parallelen zu wissenschaftlichen Theorien verstanden werden, werden für die enge Definition zusätzlich die Merkmale der Rückkopplung und der potentiellen Realitätsadäquanz genannt. Rückkopplung meint die Möglichkeit der wissenschaftlichen Absicherung durch dialogische Vergewisserung mit dem Untersuchungsobjekt. Mit potentieller Realitätsadäquanz wird unterstellt, dass Subjektive Theorien durchaus sachlich richtige Bedeutungen implizieren, sie also nicht pauschal als unwissenschaftliche Konstrukte zu behandeln sind.

 

Zitierte Literatur

Groeben, N.; Wahl, D.; Schlee, J.; Scheele, B. (1988): Das Forschungsprogramm Subjektive Theorien. Eine Einführung in die Psychologie des reflexiven Subjekts. Tübingen/Francke Verlag

Helmke, A. (2003): Unterrichtsqualität erfassen, bewerten, verbessern. Seelze/ Kallmeyersche Verlagsbuchahndlung.

Koch-Priewe, B. (1986): Subjektive didaktische Theorien von Lehrern. Tätigkeitstheorie, bildungstheoretische Didaktik und alltägliches Handeln im Unterricht. Frankfurt a.M./ Haag+Herchen Verlag

Kromrey, H. (1998): Empirische Sozialforschung. Modelle und Methoden der Datenerhebung und Datenauswertung. Opladen/(Leske + Budrich.

Mandl H; Huber, G.L.: Subjektive Theorien von Lehrern. Forschungsbericht 18. Deutsches Institut für Fernstudien an der Universität Tübingen

Weiterführende Literatur

Müller, T. Ch. (2004): Subjektive Theorien und handlungsleitende Kognitionen von Lehrern als Determinanten schulischer Lehr-Lern-Prozesse im Physikunterricht. Berlin / Logos.