Problemorientiertes Lernen/ Problemorientierter Unterricht
|
Definition: Beim Problemorientierten Unterricht handelt es sich um "Unterricht, der nicht nur systematisiertes und gut geordnetes Wissen vermittelt, sondern von Problemen ausgeht und Problemlösungen ermöglicht" (Bönsch 2000, S.32).
|
Ausgangsannahme des Problemorientierten Lernens ist, dass es sich beim Lernen um einen aktiv-konstruktiven, selbstgesteuerten, situativen und sozialen Prozess handelt.
Nach Mandl, Reinmann-Rothmeier & Gräsel (1998) muss problemorientiertes Lernen zur Lösung anstehender oder zukünftiger Probleme direkt oder indirekt nutzbar sein. Probleme sollen entweder authentisch sein oder einen Bezug zu authentischen Situationen/ Ereignissen haben, für die Lernenden relevant sein, eine gewisse Aktualität haben und neugierig und auch betroffen machen (vgl. Reinmann-Rothmeier & Mandl 2002). Die Lernenden müssen den potentiellen Nutzen des erworbenen Wissens für reale Herausforderungen kennen und verstehen. Problemorientiertes Lernen sollte dazu beitragen, dass das Wissen situativ abrufbar ist - es soll kein "träges" Wissen angehäuft werden, das isoliert zwar vorhanden ist, aber nicht in anderen Zusammenhängen abgerufen und transferiert werden kann.
Dieses Verständnis des problemorientierten Lernens zielt auf eine Förderung einer Problemlösekompetenz. Ebenso definiert bei PISA als "Fähigkeit einer Person, kognitive Prozesse zu nutzen, um sich mit solchen realen, fächerübergreifenden Problemstellungen auseinanderzusetzen und sie zu lösen, bei denen der Lösungsweg nicht unmittelbar erkennbar ist und die zur Lösung nutzbaren Wissensbereiche nicht einem einzelnen Fachgebiet der Mathematik, der Naturwissenschaften oder des Lesens entstammen" (OECD 2003, zit. nach Leutner, Klieme, Meyer & Wirth 2004, S.148).
Die Rolle der Lehrenden ändert sich in problemorientierten Lernprozessen: Sie präsentieren, erklären und strukturieren, ohne die Lernenden ständig zu kontrollieren. Sie geben Anregungen, unterstützen und beraten, ohne die Lernenden sich selbst zu überlassen. Es handelt sich um einen Balance-Akt, der vom Lehrenden andere Kompetenzen fordert, als dies bei traditionellen Unterrichtsmethoden der Fall ist.
In der Didaktik-Diskussion wird diese Form des Lernens deshalb gern favorisiert, weil
- SchülerInnen durch Probleme aktiver lernen,
- schulisches Lernen durch Probleme interessanter und abwechslungsreicher wird,
- Problemlösungsfähigkeit allgemein als ein erstrebenswertes Ziel schulischen Lernens angesehen wird (vgl. Bönsch 2000).
Nach Mandl et al. (1998) soll das Leitkonzept der Problemorientierung eine konzeptionelle Brücke zwischen der traditionellen und der konstruktivistischen Lehr-Lernphilosophie schlagen. Jede einseitige Unterrichtsauffassung bringt Schwierigkeiten mit sich. Problemorientierte Unterricht verbindet unterschiedliche Ansätze.
Fünf Leitlinien stellen Reinmann-Rothmeier und Mandl (2001) für problemorientierten Unterricht auf, die als Prinzipien zur Gestaltung von Lernumgebungen gelten:
- Situiert und anhand authentischer Probleme lernen: So oft es geht, ist eine Lernumgebung so zu gestalten, dass sie den Umgang mit realen Problemen und authentischen Situationen ermöglicht und/oder anregt. Lernen anhand von relevanten Problemen, die Interesse erzeugen oder betroffen machen, ist motivationsfördernd. Situiertheit und Authentizität und sichern einen hohen Anwendungsbezug.
- In multiplen Kontexten lernen: Um zu verhindern, dass situativ erworbenes Wissen auf einen bestimmten Kontext fixiert bleibt, ist eine Lernumgebung möglichst so zu gestalten, dass spezifische Inhalte in verschiedene Kontexte eingebettet werden können.
- Unter multiplen Perspektiven lernen: Inhalte oder Probleme können aus verschiedenen Blickwinkeln/ Perspektiven beleuchtet werden. Dies ist beim Lernen zu berücksichtigen. Auf diese Weise kann eine flexible Anwendung des Gelernten gesichert werden.
- In einem sozialen Kontext lernen: Auch wenn Lernen auf den ersten Blick vor allem ein individueller Prozess ist, spielen soziale Aspekte eine große Rolle. Bei der Gestaltung einer Lernumgebung sollten möglichst oft soziale Lernarrangements integriert werden, um kooperatives Lernen und Problemlösen sowie Prozesse zu fördern, die die Entwicklung einer Lern- und Praxisgemeinschaft fördern. Gruppenarbeit, teamorientierter Handlungsunterricht, aber auch die Öffnung der Schule nach außen, etwa über Expertenkontakte, sind Beispiele dafür, wie sich soziale Kontexte realisieren lassen.
- Mit instruktionaler Unterstützung lernen: Die instruktionale Unterstützung seitens des Lehrenden in Form von Modellieren und Anleiten, Unterstützen und Beraten ist ebenso von großer Bedeutung. Wo Anleitung und Unterstützung erforderlich sind, muss sie den Lernenden gegeben und bei Bedarf ausgeblendet werden. Die Lernumgebung sollte sowohl eigenständiges Lernen in komplexen Situationen ermöglichen, als auch das zur Bearbeitung von Problemen erforderliche Wissen bereitstellen.
Computerbasierte Lernumgebungen bieten vielfach Möglichkeiten problemorientiertes Lernen zu unterstützen, indem Wissensbestände, Kommunikations- und Kooperationstools bereitgestellt werden (siehe u.a. Schulz-Zander 1999).
Zitierte Literatur
Bönsch, M. (2000). Unterrichtsmethoden konstruieren Lernwege. In N. Seibert (Hrsg.). Unterrichtsmethoden kontrovers. Bad Heilbrunn 2000, S. 23-68.
Köck, P. (2000). Handbuch der Schulpädagogik für Studium - Praxis - Prüfung. Donauwörth.
Leutner, D., Klieme, E., Meyer, K. & Wirth, J. (2004). Problemlösen. In PISA-Konsortium Deutschland (Hrsg.). PISA 2003. Münster/New York/ München/ Berlin: Waxmann, S.147-175.
Mandl, H. & Reinmann-Rothmeier, G. (2001). Unterrichten und Lernumgebungen gestalten. In Krapp, A. & Weidenmann, B. (Hrsg.). Pädagogische Psychologie. 4. vollständig überarb. Auflage. Weinheim: Beltz PVU, S.601-646.
Mandl, H., Reinmann-Rothmeier, G. & Gräsel, C. (1998). Gutachten zur Vorbereitung des Programms "Systematische Einbeziehung von Medien, Informations- und Kommunikationstechnologien in Lehr- und Lernprozesse" (Materialien zur Bildungsplanung und Forschungsförderung, Heft 66) Bonn: Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung.
Schulz-Zander, R. (Hrsg.) (1999). Medien und Informationstechnologien in der Lehrerausbildung - Lernen mit Multimedia. Reihe: Beiträge zur Bildungsforschung und Schulentwicklung, Bd. 11. Dortmund: IFS-Verlag.
Weiterführende Literatur
Arbinger, R. & Jäger, R. S. (1997). Lernen lernen. Einführung und Materialien. Landau.
Ausubel, D.P. (1974). Psychologie des Unterrichts. 2 Bde. Weinheim und Basel.
Bugdahl, V. (1995). Kreatives Problemlösen im Unterricht. Frankfurt a. M.
Kaul, T. (1994). Problemlösestrukturen im Unterricht. Frankfurt a. M.
Scholz, F.R. (1980). Problemlösender Unterricht und Aufgabenstellungen. Essen.
