Kooperatives Lernen
| Definition: Kooperative Lern- und Arbeitsweisen bezeichnen Arbeitsweisen, in denen Schüler im Miteinander Lernprozesse gestalten (Hepting 2004, S. 57). |
Kooperatives Lernen kann als eine Form des handlungsorientierten Unterrichts gesehen werden, in dem die SchülerInnen eine handelnde und selbstständige Rolle einnehmen (vgl. Hepting 2004).
Beim kooperativen Lernen sind Interaktionsabläufe zwischen den Lernenden von besonderer Bedeutung. Kooperatives Lernen kann letztlich als Lernform gesehen werden, mit deren Hilfe die sozialen Probleme in Klassenzimmern minimiert werden können, indem SchülerInnen lernen, ihren eigenen Standpunkt zu vertreten und die Positionen der MitschülerInnen zu berücksichtigen und zu respektieren.
Folgende Kriterien und Merkmale zeichnen das kooperative Lernen aus (vgl. Konrad/Traub 2001):
- Positive Wechselwirkungen: Durch das Zusammenwirken der Gruppenmitglieder zur Zielerreichung werden Situationen und Probleme aus der Perspektive anderer gesehen. Wichtig ist es daher, gemeinsam Ziele zu setzen, die von allen akzeptiert werden.
- Individuelle Verantwortlichkeit: Alle sind für die Erledigung ihrer Teilaufgabe(n) zuständig und tragen zu einem Gesamtergebnis bei. Somit hat jeder eine Mitverantwortung für die Zielerreichung.
- Hilfreiche (Face-to-Face-) Interaktion: Durch das Zusammenwirken der Gruppenmitglieder und gegenseitiges Feedback ermutigen sich die SchülerInnen gegenseitig.
- Feedback: Die SchülerInnen erhalten durch den gegenseitigen Austausch neue Einsichten durch Klärung von Meinungsverschiedenheiten. Durch gegenseitiges Feedback erfolgt eine Reflexion der eigenen Lernmethoden und -techniken und es kann die Entwicklung von effektiveren Lernstrategien erfolgen.
- Angemessene Nutzung kooperativer Fertigkeiten: Es werden kooperative Kompetenzen unterstützt und ausgebaut. So üben die SchülerInnen sich in angemessenem Führungsverhalten, Vertrauensbildung, Strategien der gemeinsamen Entscheidungsfindung und im Konfliktmanagement.
- Reflexion der Gruppenprozesse: die gemeinsamen Ziele müssen regelmäßig überprüft werden. Auch werden Veränderungen identifiziert und Gruppenaktivitäten reflektiert. Durch diese Prozesse werden Strategien entwickelt, die eine effektivere Zusammenarbeit und Zielverfolgung ermöglichen.
Es lässt sich - insbesondere in der englischsprachigen Literatur - zunehmend eine Unterscheidung zwischen kooperativem und kollaborativem Lernen finden (vgl. u.a. Lewis 2001; Littleton/Häkkinen 1999). Kooperatives Lernen meint eine gegenseitige Unterstützung, wobei jede/jeder ihr/sein eigenes Ziel verfolgt, während kollaboratives Lernen eine gemeinsame interaktive Konstruktion von Bedeutungen meint und eine Verpflichtung auf ein gemeinsames Ziel beinhaltet.
Kooperationen können in unterschiedlichen Sozialformen innerhalb des Klassenverbandes stattfinden (Gruppenarbeit, Partnerarbeit). Kooperationen finden nicht nur klassenintern, sondern auch klassenübergreifend schulintern und schulextern mit außerschulischen Partnern statt. Die E-Mail-Kommunikation und die Veröffentlichung von Ergebnissen im Web können die Kooperation mit externen Partnern sehr unterstützen, wenn nicht sogar erst ermöglichen.
Kooperationen sind ein prägnantes Merkmal des Unterrichts mit neuen Medien. Dies zeigen insbesondere die Befunde der internationalen qualitativen Studie SITES M2 (Second Information Technology in Education Study - Module 2), die in Fallstudien innovative Unterrichtspraxis mit neuen Medien erforscht hat (vgl. Schulz-Zander/ Büchter/ Dalmer 2002; Kozma/ McGhee 2003; Schulz-Zander 2003), aber auch andere Studien (Schulz-Zander/ Riegas-Staackmann 2004).
Die Ergebnisse von SITES M2 in Deutschland (vgl. Schulz-Zander 2003; Schulz-Zander/ Preussler 2005) zeigen folgende Kooperationsformen: Peer-Tutoring, kooperatives Lernen, kollaboratives Lernen und Lerngemeinschaften mit externen Partnern. In erster Linie werden klasseninterne Kooperationsformen von der Lehrperson initiiert, insbesondere im projektorientierten Unterricht oder in problemorientierten Lernumgebungen. Kooperationen werden aber auch von den SchülerInnen eigenständig eingeleitet und zwar vor allem bei computerbezogenen Fragen, aber auch bei fachlichen Fragen. Einige SchülerInnen sind ExpertInnen hinsichtlich der Nutzung neuer Medien und nehmen partiell eine Tutorenrolle gegenüber ihren MitschülerInnen oder in einigen Fällen auch gegenüber ihren LehrerInnen ein. Kollaboratives Lernen findet eher statt, wenn gemeinsam geforscht und/oder ein gemeinsames Produkt entwickelt und gestaltet wird. Bei einer Zusammenarbeit mit externen PartnerInnen wird mehrfach eine erhöhte Anstrengungsbereitschaft bei den Lernenden festgestellt. Kompetenzen werden teilweise gebündelt; die Lehrperson gibt phasenweise ihre Expertenrolle ab und wird partiell selbst zum Lernenden. Teilweise erfahren die Lehrpersonen durch den Austausch mit anderen LehrerInnen eine Erweiterung ihrer pädagogischen Kompetenz. In einigen Fällen kommt es zu örtlichen und zeitlichen Veränderungen bei der Lernorganisation.
Der Erfolg kooperativen Lernens hängt von verschiedenen Faktoren ab (vgl. Konrad/ Traub 2001):
- Bereitschaft der Lernenden
- Individuelle Kompetenz zur Kooperation
- Zusammensetzung der Gruppe
- Lernziele
- Gruppenziele
- Aufgabenstellung
- Strukturierung der Interaktion
- Anreizstruktur
- Organisatorische Rahmenbedingungen
Diese Liste ist zu erweitern, wenn kooperatives und kollaboratives Lernen mit neuen Medien beabsichtigt sind: Es bedarf geeigneter technischer Ressourcen und der Medienkompetenz von SchülerInnen und LehrerInnen.
Zitierte Literatur
Gräsel, C. & Gruber, H. (2000). Kooperatives Lernen in der Schule. Theoretische Ansätze - Empirische Befunde - Desiderate für die Lehramtsausbildung. In N. Seibert (Hrsg.). Unterrichtsmethoden kontrovers. Bad Heilbrunn.
Hepting, R. (2004). Zeitgemäße Methodenkompetenz im Unterricht. Eine praxisnahe Einführung in neue Formen des Lehrens und Lernens. Bad Heilbrunn.
Konrad, K. & Traub, S. (2001). Kooperatives Lernen. Theorie und Praxis in Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung. Hohengehren.
Kozma, R.B. & McGhee, R. (2003). ICT and Innovative Classroom Practices. In R.B. Kozma (ed.): Technology, Innovation, and Educational Change. Eugene: ISTE Publications, 43-80.
Lewis, R.(2000). Human activity in learning societies. Invited paper. In S.S-C. Young, J. Greer, H. Maurer & Y.S. Chee (eds.): Proceedings of the International Conference on Computers in Education ICCEICCAI 2000, Learning Societies in the new Millenium. Taiwan 2000, 36-45.
Littleton, K. & Häkkinen, P. (1999). Learning Together: Understanding the Processes of Computer-Based Collaborative Learning. In P. Dillenbourg (ed.): Collaborative learning, cognitive and computational approaches. London, 20-30.
Schulz-Zander, R., Büchter, A., & Dalmer, R. (2002). The role of ICT as a promoter of students' cooperation. Journal of Computer Assisted Learning, Vol.18, No.4 December 2002, pp. 438-448.
Schulz-Zander, R. (2003). Unterricht verändern. Innovative Lehr- und Lernformen mit digitalen Medien. Computer + Unterricht. 13. Jg., Heft 49. S. 6-11.
Schulz-Zander, R. & Riegas-Staackmann, A. (2004). Neue Medien im Unterricht - eine Zwischenbilanz. In H. G. Holtappels, K. Klemm, H. Pfeiffer, H.-G. Rolff & R. Schulz-Zander (Hrsg.). Jahrbuch der Schulentwicklung, Bd. 13. Weinheim/München: Juventa, S. 291-330.
Schulz-Zander, R. & Preussler, A. (2005). Selbstreguliertes und kooperatives Lernen mit digitalen Medien - Ergebnisse der SITE-Studie und der SelMa-Evaluation. In B. Bachmair, P. Diepold & C. de Witt (Hrsg.). Jahrbuch Medienpädagogik 4. Wies
Weiterführende Literatur
Biermann, R. & Wittenbruch, W. (1986). Soziale Erziehung. Heinsberg.
Jaques, D. (1984). Learning in groups. Croom Helm.
Weber, A. (1986). Kooperatives Lehren und Lernen in der Schule. Heinsberg.
Weidner, M. (2003). Kooperatives Lernen im Unterricht. Seelze.
