Lerntagebücher

Lerntagebücher, als Zusammenstellung regelmäßig erstellter Lernprotokolle, sollen die Förderung von Strategien des selbstgesteuerten Lernens ermöglichen (vgl. Renkl et al. (2004), S. 101).

Lerntagebücher beinhalten eine Darstellung der eigenen Lernprozesse und Lernergebnisse durch Lernende. Der eigene Lernprozess soll dabei ins Bewußtsein gerückt werden und Schülerinnen und Schüler sollen sich für deren Analyse Zeit nehmen.

Ziele

Renkl et al. beschreiben drei Ziele, die durch den Einsatz von Lernprotokollen erreicht werden sollen. Zunächst führen sie an, dass Lernprotokolle zu einer "tiefen Verarbeitung und zu einem langfristigen Behalten der Lerninhalte" (Renkl et al. (2004), S. 102) beitragen sollen. Desweiteren sollen Lernende angehalten werden über ihre "Lernaktivität nachzudenken und Verantwortung für ihren Lernfortschritt zu übernehmen" (Renkl et al. (2004), S. 102).
Schließlich sollen die Lernprotolle den Lehrenden einen "Einblick in die aktuellen Lernprozesse der Lernenden ermöglichen und die Diagnose potentieller Misskonzepte erleichtern" (Renkl et al. (2004) S. 102).
 
Zusätzlich werden von Renkl et al (2004) die beiden didaktischen Zielsetzungen "Lernen durch Schreiben" und "Lernen lernen" identifiziert.
Lernen durch Schreiben beinhaltet dabei die Gewährleistung einer regelmäßigen Nachbereitung der Lerninhalte und des Findens eines "roten Fadens" im Unterricht. Zusätzlich knüpfen die Lernenden an Vorwissen an und setzen neue Inhalte auch in Beziehung zu Inhalten anderer Fachgebiete (Elaboration) (vgl. Renkl et al. (2004), S. 102).
 
"Lernen lernen" bedeutet die Überwachung des eigenen Verstehens und das gleichzeitige Wirken gegen Verständnisillusionen. Es geht hierbei um die Artikulation von Verständnisschwierigkeiten (negatives Monitoring) und um das Ausdrücken positiver Lernerfahrungen (positives Monitoring).
Lernende entwickeln so ein Verständnis für ihr eigenes Arbeitsverhalten (vgl. Renkl et al. (2004), S. 103).

Kriterien für den erfolgreichen Einsatz von Lerntagebüchern

Da das Führen von Lerntagebüchern, also die regelmäßige Ausarbeitung von Lernprotokollen, für die Lernenden aufwändig ist, sollten diese nach Weber (2004) nur geführt werden, wenn folgende Aspekte gewährleistet sind:
  • Die Reflexion des Lernprozesses muss zum Unterrichtsgegenstand gemacht werden.
  • Die Bereitschaft der Lernenden sollte vorhanden sein, sich - zumindest für eine Phase - die Zeit zu nehmen und sich der Mühe zu unterziehen, die aus der Analyse der eigenen Lernprozesse gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen zu dokumentieren und sie so für die gemeinsame Reflexion mit der Lehrperson oder auch mit anderen Mitlernenden zu erschließen.
  • Die Unterrichtenden müssen bereit sein, auch ihrerseits die notwendige Zeit und Arbeit aufzuwenden, sich mit den persönlichen Lerntagebüchern der Lernenden auseinanderzusetzen und sich auf die Metareflexionen der individuellen Lernprozesse mit ihren Schülerinnen und Schülern einzulassen (vgl. Weber (2004), S. 112 ff.).

Dimensionen

Renkl et al. beschreiben insgesamt sechs verschiedene Dimensionen bzw. Aspekte, die Lernprotokolle enthalten sollten:
" (1) Organisation (Identifikation von Hauptgedanken, Darlegen logisch-semantischer Zusammenhänge)
  (2) Elaboration (insbesondere Generieren von Beispielen und Analogien, Anknüpfen an persönliche Erfahrungen)
  (3) kritisches Prüfen, also das Ausmaß und die Qualität argumentativen Denkens im Protokoll
  (4) positives Monitoring, d. h. das Erkennen, welche Aspekte des Lernstoffs gut verstanden wurden
  (5) negatives Monitoring, d. h. die Identifikation von Aspekten des Lernstoffs, die nicht oder nur teilweise verstanden wurden
  (6) Artikulation von Lernzielen, das Ausmaß also, in dem die Lernenden ihre Auseinandersetzung mit dem Lernstoff nach persönlich relevant erachteten Gesichtspunkten gestalten" (Renkl et al. (2004), S. 104). 

Ergebnis

Dass sich der Aufwand der Erstellung von Lerntagebüchern lohnen kann, hat beispielsweise der Modellversuch SelMa gezeigt (vgl. Weber (2004), S.114).

Zitierte Literatur

Weber, W. (2004). Selbstgesteuertes Lernen erfordert erweiterte Kompetenzen bei Lehrenden und Lehrenden. In: Schumacher, F. (Hrsg.) (2004). Innovativer Unterricht mit neuen Medien: Ergebnisse wissenschaftlicher Begleitung von SEMIK-Einzelprojekten. Grünwald, SEMIK, S. 97-116.

Renkl, A., Nückles, M., Schwonke, R., Berthold, K. & Hauser, S. (2004). Lerntagebücher als Medium selbstgesteuerten Lernens: Theoretischer Hintergrund, empirische Befunde, praktische Entwicklungen. In: Wosnitza, M. Frey, A. & Jäger, R. S. (Hrsg.). Lernprozess, Lernumgebung und Lerndiagnostik. Wissenschaftliche Beiträge zum Lernen im 21. Jahrhundert. Erziehungswissenschaften, Band 16, Landau, Empirische Pädagogik, S. 101-116.