Lernen durch Lehren - Schüler lehren Schüler

Definition: Lernen durch Lehren bedeutet die „wechselseitige Beteiligung der Akteure [Lehrer, Schüler] am Lehren und Lernen“ [Bastian, 1997, S. 6 f.].

Johannes Bastian beschreibt 1997 in der Zeitschrift PÄDAGOGIK mit dem Titelthema „Schüler als Lehrende“ (PÄDAGOGIK, 11/1997) das Ziel dieser Unterrichtsstrategie als die „Suche nach Möglichkeiten der wechselseitigen Beteiligung [von Schülern und Lehrern] am Lehren und Lernen“ (Bastian, 1997, S. 6 f.).

Schüler sollen durch den Rollenwechsel ein Verständnis für die Lehre gewinnen. Sie sollen erfahren, wie Lernen ermöglicht werden kann.

Wichtig ist Bastian, dass Lernen kein Produkt von Lehre ist, sondern im Sinne des Konstruktivismus als „individueller Prozeß [sic]] der  tätigen Aneignung und Konstruktion von Wirklichkeit“ [Bastian, 1997, S. 7] gesehen werden muss.

Die Beteiligung von Schülerinnen und Schülern an der Lehre sieht Bastian daher nur dann als sinnvoll an, wenn diese „Beteiligung an den Aufgaben des Lehrens eine Funktion für das Lernen hat“ [Bastian, 1997, S. 7]. Er fordert Lehren für Schülerinnen und Schüler als bedeutsame Lernerfahrung.

Kriterien

Aus der Sicht Bastians (1997) müssen folgende Kriterien für erfolgreiches Lehren durch Lernende erfüllt sein:
„Lernt der Schüler als Lehrender etwas, was er sonst nicht lernt, oder lernt er anders und gleichzeitig besser?
Lernen die, denen Schüler durch Lehren beim Lernen helfen, etwas, was sie sonst nicht lernen, oder lernen sie anders und gleichzeitig besser?
Ist das, was Schüler lehren und wie sie lehren, mit [...] [der] Gesamtverantwortung als Lehrer(in) vereinbar?

Rollenverständnis

Wichtig ist, dass das Konzept der Schülerlehrer als ein verändertes Verständnis von Lehren und Lernen verstanden wird, welches auf wechselseitiger Beteiligung basiert.
Lehrer und Schüler gehen ein Arbeitsbündnis ein, welches auf aktiver Mitarbeit von Schülerinnen und Schülern, geteilter Verantwortung und einer Lehre zur Ermöglichung von Lernen beruht.

Praxisformen

Bastian (1997) identifiziert folgende Praxisformen für das Konzept „Lernen durch Lehren“: „
1.Schüler(innen) an der Reflexion von Lehren und Lernen beteiligen [...]
2.Schüler(innen) an der aktiven Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen beteiligen […]
3.Schüler(innen) als Tutor(innen): Anderen helfen und sich selbst helfen lassen […]
4.Schüler(innen) an der Gestaltung von Schulentwicklungsprozessen beteiligen“ (Bastian, 1997, S. 8 ff.)

Vorteile

Meinert Meyer ergänzt die von Bastian erläuterten Gelingensbedingungen und die daraus resultierenden Vorteile der Unterrichtsstrategie „Lernen durch Lehren“ um den Aspekt des didaktischen Potentials von Schülerinnen und Schülern (vgl. Meyer, 1997, S. 16). Er behauptet, dass Lernende zwar häufig didaktische Probleme wahrnehmen und erkennen, aber selten handeln. Einschätzungen von Lehrern und Schülern bezüglich des Unterrichts gehen häufig auseinander. Daher kann es ein Vorteil sein Schüler in die Lehrer mit einzubeziehen und ihr didaktisches Potential zu nutzen.

Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget (1986) stellte zudem fest, dass Kinder voneinander ganz andere Dinge lernen als von Erwachsenen (vgl. Oswald, 1997, S. 27). Einige Aspekte der Beziehungen zwischen Gleichaltrigen und der Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern sind im Folgenden in Anlehnung an Oswald tabellarisch dargestellt. Auch dadurch kann das Potential von Schülerlehrern verdeutlicht werden.

Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern Beziehungen zwischen Gleichaltrigen
asymmetrisch symmetrisch
Autoritätsbeziehung: großer Vorsprung und Übergewicht des Erwachsenen,
positionelle Überordnung und Verantwortung
Anspruch auf Gleichheit: trotz Unterschieden hat kein Kind ein positionelles Recht über andere zu bestimmen
Elemente von Macht und Zwang Versuche Überlegenheit zu schaffen scheitern
Kinder können Beziehungen nicht beenden Beziehungen können beendet werden

Zitierte Literatur

Bastian, J. (1997). Schülerinnen und Schüler als Lehrende – Oder Lernen durch Lehren. PÄDAGOGIK, 49. Jahrgang, Heft 11/1997, S. 6-10.

Meyer, M. A. (1997). Schülermitbeteiligung und didaktische Kompetenz – Oft sehen Schüler das didaktische Problem, handeln aber nicht. PÄDAGOGIK, 49. Jahrgang, Heft 11/1997, S. 11-14.

Oswald, H. (1997). Was lernen Kinder von Kindern? PÄDAGOGIK, 49. Jahrgang, Heft 11/1997, S. 27-29.

Weiterführende Literatur

Andresen, E. (1997). Lernen durch Lehren – Schüler(innen) helfen Schüler(innen). PÄDAGOGIK, 49. Jahrgang, Heft 11/1997, S. 20-22.

Lehmann, L. (1997). „Und morgen leiten wir …“ – Schritte zur Übernahme von Leitungsaufgaben durch Schüler. PÄDAGOGIK, 49. Jahrgang, Heft 11/1997, S. 16-18.